S2: Folge 1: Das neue Leben

Da wären wir wieder. Der Gong für Staffel zwei ertönt. Als Zuhörer würde ich jetzt vermuten, dass es beim ZDF nicht geklappt hat?

Herzlich willkommen zurück erstmal.

Ich habe eine kleine Ankündigung zu machen. Ich bin nicht länger arbeitslos. Jeah. Vor zwei Wochen ist etwas Erstaunliches passiert. Ich hatte mich kurz zuvor beim ZDF beworben, auf eine mir schmackhafte Stelle als Redakteur. Die Bewerbungsunterlagen, vor allem das Anschreiben, waren von besonders saftig anmutender Güte. Ich hatte mich dann zurückgelehnt. War, dank der getanen Arbeit vollkommen entspannt, ich vertraute mir selbst, ja ich traute mir sogar zu mich gegen 800 andere stramme, vor Selbstbewusstsein strotzende Bewerber aus der Medienbranche durchzusetzen. Ich spürte dieses Feuer in mir, diese gnadenlose Zuversicht, das stillschweigende Bewusstsein für die endgültige Befreiung aus meiner misslichen Lage, meine eisenharten Ellenbogen waren bis zum Anschlag gespannt.

Und wie ich so saß, widmete ich mich mit vollem Herzen und halbem Gehirn einem modernen Phänomen, dem sogenannten Cloudrap, die musikalische Antikunst, eine tongewordene Verarbeitung der Beuysschen Kunsttheorie. So empfand ich es jedenfalls. Kunsthistorisch war ich allerdings schon immer etwas pedantisch angehaucht gewesen. Mir war es wichtig die Dinge auf den Punkt zu bringen. Ich mochte jene Leute nicht leiden, die ständig mit ihren oberflächlichen Kommentaren daherkamen und bei denen ich keinen der mir wichtigen Fachbegriffe abgreifen konnte.

Die Musik jedenfalls gefiel mir recht gut. Ich hörte Yung Hurn, Rin und einige andere dieser Konsorten. Moneyboy und seine Jünger ließ ich außen vor. Mich inspirierte dieser neue Style, dieses sphärische Synthesizer-Gedudel mit weichem, oft gezogenem Autotunegesang. Zudem inspirierte mich die locker-leichte Sprache, das unbedacht verformte, das rhythmisch strukturierte Anpassen der Pre- und Suffixe. Der Gipfel aber waren die Texte, stets jugendlich, immer ein bisschen unter der Gürtelschnalle, bei den Schnallen vor allen Dingen, und dann geht es um die klassischen Themen der Jugend: Freunde, Chillen, ins Kino gehen, Pillen, Musik und Drogen. Und immer wieder die Freundin, die sogenannte Hoe, das Babe.

Kommen wir jedoch zurück zur Bewerbung. Ich hatte mich mit meinem freakigen Anschreiben ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt, hatte mich dabei scheinbar vorher nicht richtig gedehnt oder wieder eine von den merkwürdigen Metaphern erwähnt, jedenfalls wurde ich eiskalt abgelehnt. Eine Begründung gab es nicht. „Gab geilere Bewerber als Sie, sorry“ so lautete der Text ungefähr, von irgendeinem seelenlosen Praktikanten verfasst. Und wie bei jeder Absage reagierte ich geerdet und entspannt, wie eine von den Gräten bei GNTM, die sich vollends entblößt hat, aber ohne Photo nach Hause muss. Das läuft dann immer folgendermaßen ab: Zuerst lasse mich so ganz stilvoll auf den Boden fallen, wie eine Feder, ich fühl mich so unendlich frei dabei. Dann schlage ich mir die Hände ins Gesicht und reibe mit den hornhautlastigen Innenseiten ein bisschen in meinen Falten herum, wie um meine Schande von Gesicht abzurubbeln. Währenddessen wirken meine kalten Tränen wie eine Art Kühlflüssigkeit für meinen vor Enttäuschung ultrahocherhitzten Kopf. Dann stampfe ich noch ein paar Mal mit dem Fuß auf den Betonboden, bis auch der letzte Nachbar mitbekommen hat, dass mich eine weitere Absage ereilt hat. Nach einer halben Stunde endlosem Hin- und Hergewälze im Staub unter der Couch, schlafe ich irgendwann erschöpft ein, wache Stunden später auf und das Spiel beginnt noch dreimal von vorn.

Aber irgendwann ist‘s auch genug mit der angemessenen Reaktion. Dann führe ich ein klärendes Selbstgespräch mit meinem Kollegen im Spiegel. „Wird schon“, sag ich. Er schaut traurig zurück. „Gab viele Mitbewerber. Es wird nicht an dir persönlich gelegen haben.“ Schüchtern guckt er mich dann an, lächelt dabei sanft „Meinst du wirklich?“ fragt er dann. „Meinst du echt, ich bin kein Versager, bei dem das Monate, ja jahrelang so weitergeht, der nie ankommt, der mit 40 immer noch Bewerbungen schreibt?“ „Nee, Du bist toll“ flüstere ich ihm zu. „Du bist ein Ass das man lieber im Ärmel hat, als eine Schuppenflechte inner Suppenfläche“ dabei zwinkere ich ihm zu. Das ist unser Ding: Die gemeinsame ironische Verarbeitung. Er und ich. Die zwei mit dem gleichen Schicksal. In der Regel getrennt, nur vor dem Spiegel vereint. So läuft das ab.

In diesem Fall passierte dann aber etwas Wunderbares. Wie der Kapitalismus die Musik in Gefangenschaft genommen hatte und mit ihr das ungewollte Kind namens „Cloudrap“ gezeugt hatte, so verwandelte diese neuerliche Absage mich in einen von denen. Ich wusste plötzlich, dass das die wahre Kunst sei, der Wiederspruch, die stumme, oberflächliche dumme Revolution, der Hohn der Vernachlässigten, der Sturz in den scheinbaren Nonsens. Die Abkehr von Konsum und Konsens, die Verwendung von konservierten, vor Jahren geschmierten Idiotella-Broten.

Und ich begann direkt an meiner neuen Karriere zu arbeiten, ich las einen Beat im Internet auf. Schrieb in die sanften Klänge einen gefühlvollen Text hinein, mit ein bisschen Unsinn, ein bisschen Wahrheit, ein bisschen Gefühl und mit der Gesamtmessage: Verwirklichung.

Ich spielte es Leute vor, Freunden, Bekannten, Fremden im Internet und Passanten, manche lachten, manche rannten, einige schimpften, andere brannten, dafür. Aber hört doch selbst. Der Anfang ist gemacht, denk ich.

Vielen Dank an Onedre für den Beat.